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Ein Medien-Experiment für Meinungsvielfalt im Online-Zeitalter. In Blei!

Im schweizerischen St. Gallen gibt Martin Amstutz ein Wochenblatt im Buchdruck heraus – konzeptionell angesiedelt irgendwo zwischen Medien-Unternehmen und künstlerischem Zeit-Experiment. Wie macht er das? Was treibt den Künstler, Musiker, Verleger, Redakteur, Handsetzer, Buchdrucker, Abonnementverkäufer und Spediteur in Personalunion an?

Auf den ersten Blick war das Wochenblatt des St. Gallener Künstlers und Musikers Martin Amstutz für mich eine wöchentliche Zeitung, in Blei gesetzt und im Buchdruck hergestellt – vergleichbar vielleicht mit der Ein-Mann-Zeitung „The Saguache Crescent“ aus Colorado/USA.

Das allein fände ich schon ziemlich interessant, doch wurde mir in den weiteren Gesprächen bald klar, dass hier nicht nur eine Zeitung, sondern Kunst gemacht wird.

Entstanden ist Martins Idee zum Wochenblatt 1996, als die Tageszeitung „Ostschweizer AZ“ und ein Jahr darauf die „Ostschweiz“ eingestellt wurden. Dem damit einhergehenden Verlust an Medien-, Informations- und Meinungsvielfalt wollte Martin etwas entgegenstellen.

Großes im Sinne von schierer Masse an Menschen und Material schied dabei mangels Kapitals aus, doch es gab ja auch vor hunderten Jahren schon Zeitungen, die mit (aus heutiger Sicht) einfachen Mitteln arbeiteten.

Könnte man nicht, fragte er sich, nach deren Vorbild eine neue mediale Stimme für Themen aus Kunst, Kultur, Gesellschaft und Politik formen und damit einen Beitrag zum Wettbewerb der Meinungen leisten?

Der Vorteil des Buchdrucks im Spagat zwischen gestalterischem Willen und knappem Etat ist, dass auf den kleinen Druckmaschinen keine teuren Mindestauflagen wie im Offset-, speziell im zeitungstypischen Rotationsdruck erforderlich sind.

Handsatz altert einfach besser!

Martin Amstutz

Arbeitet man dann auch noch im Handsatz und führt diesen selbst aus, reduziere sich die Anlauf- und weiteren Kosten nochmals und man kann ohne einen Tresor voller Gold starten. Außerdem, findet Martin, haben Handsatz und Buchdruck in ihrer zeitlosen Gültigkeit einen besonderen Charme gegenüber modernen Techniken, sei es im Druck oder im Internet: „Es stellt sich wirklich die Frage, ob es sich lohnt, sich in eine Programmierung zu vertiefen, die in wenigen Monaten überholt sein wird. Der Handsatz altert einfach besser“.

Martin Amstutz in seiner Offizin im Schweizer St. Gallen  | Foto: POINT JAUNE, Buchdruck, Letterpress, Zeitungsdruck, Plakatdruck, Handsatz, Bleisatz
Martin Amstutz in seiner Offizin im Schweizer St. Gallen | Foto: Juraj Horváth

Als gedankliche Blaupause diente ihm schließlich die Ordinari Wochenzeitung, die ab 1610 vom Drucker Johannes Schröter in Basel herausgegeben wurde.

400 Jahre später halten Experten es für unmöglich, neue kostenpflichtige Zeitungen zu gründen. Anlauf- und Betriebskosten für Redaktion, Vertrieb und Technik auf der einen, sowie das stark auf Kostenlosigkeit im Internet abzielende Rezeptionsverhalten der potentiellen Leser auf der anderen Seite gelten als k.o.-Kriterien für bedrucktes Papier.

Doch Künstler sind oft neugierige Menschen, die sich etablierten Konventionen und Erwartungen gerne auch mal entziehen – und mit Leidensbereitschaft zur Selbstausbeutung wirtschaftliche Aspekte zurückstellen.

Und so startete Martin 1998 sein Wochenblatt – für den flüchtigen Betrachter ein Zeitungsprojekt, für den Eingeweihten ein Experiment im kunstvollen Umgang mit dem Thema Zeit.

Wer nicht gerne im Kopf rechnet: Das war vor 21 Jahren.

Eine Karriere als Zeitungsmacher war Martin Amstutz bis dahin nicht vorbestimmt. Folgerichtig waren sein Interesse am gesellschaftlichen Geschehen und dem kreativen medialen Austausch zunächst ungleich größer als seine verlegerischen und drucktechnischen Kenntnisse.

Alt ist nicht automatisch veraltet. Wie wird das Wochenblatt gemacht?

Die technische Geschichte des Wochenblatts beginnt auf einer Abziehpresse Asbern und ein paar Bleischriften – Neuland für Martin, der zwar Erfahrungen im Frottage-Druck am heimischen Küchentisch hatte, nicht jedoch im Buchdruck.

Fortuna wollte es, dass gleich neben seiner Offizin die Setzerei von Carlo Pedrazoli lag. Der sah sich Martins Gehversuche im Setzen und Drucken an, fand Gefallen am Projekt und unterwies ihn fortan im Wissen um die Schwarze Kunst.

Artikel aus dem Wochenblatt Nr. 311 vom 28. Januar 2004 | Foto: Point Jaune

Das Druckformat der Maschine bis 50 x 70 cm gab zugleich das Zeitungsformat grob vor, das bei 64 x 45 cm liegt. Der Umfang ist auf ein einzelnes Blatt festgelegt, was dem Wochenblatt auch einen gewissen Flugblatt-Charme des politischen Ungehorsams verleiht.

Gesetzt wird von Hand in Blei. Welche Type, hängt auch vom Umfang der einzelnen Beiträge ab. Genommen wird, wovon ausreichend da ist. Kontinuität haben hier vor allem der Wandel und die Vielfalt.

Zusätzlich werden vereinzelt Holz- und Linolschnitte sowie eingereichte Texte gedruckt, wenn sie thematisch passen. Manchmal ruft Martin dazu auf, eine Illustration, eine Rezension oder einen Reisebericht beizusteuern; manchmal bringen ihm die Leute ihre Grafiken und Texte auch einfach vorbei.

Insgesamt kommt das Wochenblatt in einer leicht chaotisch und experimentell anmutenden Form daher, kreativ, Aufmerksamkeit erregend, anschauens- und verweilenswert, „barocke Opulenz“ und „total unschweizerische, gewissermassen außer-ordentliche Sinnlichkeit“ ausstrahlend, wie es ein Kollege Martins anläßlich der 1.000sten Wochenblatt-Ausgabe umschreibt (Link).

Barocke Opulenz und total unschweizerische, gewissermassen außer-ordentliche Sinnlichkeit.

Der Drucker und Verleger Marc Berger über das Erscheinungsbild des Wochenblatts

Partizipieren darf man auch an den Plakat- und anderen Drucken der Offizin, es ist sogar ausdrücklich erwünscht und Teil des Konzepts. Gelegenheit dafür ist jeden Mittwoch ab 18 Uhr, wenn die Offizin zum Eintreten, Schauen, Reden und Mitmachen einlädt.

Die gemeinsam mit wechselnden Künstlern und Künstlerinnen entworfenen Arbeiten sind nicht nur gestalterisch stark, sie transportieren oft auch wunderbare Erzählungen. Ein thematischer Dauerbrenner ist der virtuelle Versuch, einer grünen Katze ein Paket zuzustellen. Sogar ein kleines Buchprojekt im (zugelieferten) Monotype-Satz wurde in der Poit Jaune schon gedruckt – nur leider vom Auftraggeber nicht zu Ende geführt.

Worum geht’s im Wochenblatt?

Thematisch ist Martin mit seinem Wochenblatt nicht festgelegt. Hinein kommt, was er für wichtig, erzählens-, liebens-, aufregends- und kommentierenswert hält.

Und so geht es mit einer guten Prise Ironie und Realsatire quer durch Themen aus Nah und Fern über Wirtschaft, Kunst, Kultur und Politik. Wer den Inhalten verstehend folgen möchte, sollte mit den Themen allerdings bereits ein wenig vertraut sein. Martin setzt einfach voraus, dass man den Kontext der verschiedenen Abhandlungen kennt.

Das Wochenblatt erscheint pro Forma wöchentlich, wobei man wissen muss, dass es DAS Wochenblatt eigentlich nicht gibt.

Was ich bisher beschrieben habe, ist die gedruckte UND ausgelieferte Version des Blattes. Die Auflagenkontrollinstanz IVW würde das „verkaufte Auflage“ nennen, was im Unterschied zur „gedruckten“ und der „verbreiteten“ Auflage bedeutet, dass für jedes Exemplar ein Kaufpreis bezahlt wurde. In den bisherigen 1.136 Wochen (Stand November 2019) gab es 58 solcher Ausgaben.

Und was ist mit den anderen 1.078 Ausgaben? Die stehen – im wahrsten Sinne des Wortes – auf einem anderen Blatt.

Martin nennt sie „Zwischenausgaben“, die auf Makulaturen früherer Wochenblätter und Plakate und „unter Einbezug des Publikums im Laufe der Woche, sicher aber am Mittwoch mehr oder weniger künstlerisch bekritzelt werden, als Notiz- und Spickzettel dienen, als Gedächtnisstützen zum pataphysischen Kalender. Diese Blätter dokumentieren zugleich die Entwicklung im Point Jaune“, fasst Martin Konzept und Inhalte zusammen.

Die Zwischenausgaben dienen Martin auch der Aufrechterhaltung einer fiktiven Periodizität, sagt dieser Begriff doch zunächst nur etwas darüber aus, wie oft etwas erscheint – nicht jedoch, mit welchem Inhalt. „Wochenblatt“ heißt für Martin „nun mal ein Blatt pro Woche, es kann aber auch heißen, ein Blatt pro Woche“, was demzufolge ja auch 52 Blätter pro Jahr sein könnten.

Martin sieht sein Projekt nicht nur als Zeitung, sondern zugleich als Maschine zur Erforschung der Zeit. Wenn ihr mehr darüber – sowie über seine anderen Arbeiten und Projekte – wissen möchtet, schaut auf seine Webseite. Die ist allerdings in ihrem 00er-Jahre-blogspot-Stil nicht so ganz leicht zu erschließen, was gerade bei der Komplexität seiner Ideen schade ist. Zumindest für mich endete der Versuch im frustrierenden Springen zwischen kryptischen Menüpunkten, aber vielleicht gelingt das euch ja besser.

Die Offizin POINT JAUNE

POINT JAUNE heißt „Gelber Punkt“. Dass eine Zeitung in einem Postbüro herausgegeben wird, hätten unsere Vorfahren als völlig nahe liegend empfunden, waren doch Postmeister und Drucker die ersten Zeitungsherausgeber in der Geschichte. Der Name

  • steht für die Unterbringung der Offizin in einem ehemaligen Gebäude der Post, deren Farbe auch in der Schweiz das Gelb ist,
  • zudem wählte Martin den „Punkt“ als typografisches Maß aller Dinge und Gelb als Testfarbe für die Sauberkeit des Farbwerkes. mich erinnert der Punkt im Namen auch daran, dass Postgebäude einst Orte der Begegnung waren, in denen man sich von nahen und fernen Ereignisse erfuhr und sich darüber austauschte; Nachrichten also in einem Punkt zusammenliefen und man (in Zeiten teurer Telegramme) Dinge auch mal auf den Punkt bringen musste (das berühmt-berüchtigte „Fasse dich kurz“)

Nach einer Zeit als Postbüro diente das Gebäude als Offizin eines Kollektivs älterer Drucker, die hier im klassischen Buchhochdruck arbeiten wollten. Das Kollektiv zerfiel so weit, bis eines Tages der letzte Drucker Martin Amstutz die letzte verbliebene Maschine, eine Asbern-Abziehpresse, anbot. Die Offizin Point Jaune war geboren!

Martin arbeitet mit einer Abziehpresse „Asbern“. Wer hat Informationen über diese Maschinen und den Hersteller?

Kann man von einer gedruckten Mini-Zeitung leben?

Von kreativer Energie und Applaus allein kann man nicht leben. Lohnt sich die ganze Mühe um das Wochenblatt finanziell?

Die Frage muss man bei 52 verkauften Ausgaben zu je 100 Exemplaren innerhalb von 21 Jahren wohl mit Nein beantworten, auch wenn vereinzelt Erlöse aus Anzeigen, öffentlichen Geldern für Projekte rund um das Wochenblatt sowie kleine Zuwendungen aus privater Hand hinzu kommen.

Trotzdem ist die Frage interessant, ob man das Konzept eines gedruckten (Wochen)Blatts auf andere Medien-Projekte übertragen könnte. Die meisten unabhängigen redaktionellen Angebote existieren in Form von (rein digitalen) Blogs. Oft mit großer Professionalität und viel Enthusiasmus, jedoch viel zu wenig Geld gemacht, sind viele von ihnen inzwischen leider schon wieder verschwunden. Könnte man das vielleicht mit der Kraft und Anmutung des gedruckten Wortes auf Papier besser und nachhaltiger machen?

Die Erstausgabe des Wochenblatts betrug 77 Exemplare, was zunächst nicht die Zahl der Abonnenten, sondern eine Referenz an die Hausnummer der Offizin in der Linsebühlstrasse war. Heute beträgt die verkaufte Auflage 100 Exemplare zum Preis von je 30 Franken (ca. 27,30 EUR) zuzüglich Versand. Reich wird man damit also schon mal nicht, zumal sich Martin darum offensichtlich auch nicht bemüht.

Etwas mehr zahlende Resonanz wäre trotzdem schön, sagt er. Sein Ziel ist es, ausreichend Auflage und Erlöse zu generieren, um Mitarbeiter für die Produktion beschäftigen zu können – und seine eigene Arbeitsbelastung von ca. 200 Stunden je gedruckter (und verkaufter) Ausgabe etwas zu reduzieren.

Das hat noch nicht geklappt, aber die ansonsten sehr positive Resonanz und die eigene Freude an seinem kreativen Dauer-Experiment ermutigen ihn sehr, dranzubleiben.

Wo bekommt man Martins Wochenblatt?

Das Wochenblatt gibt es exklusiv im Dauerbezug auf Widerruf genannten Abonnement-Modell. Der Leser bindet sich zunächst unbefristet an den Bezug, zahlt aber nicht für einen Zeitraum, sondern pro Ausgabe. Wer es ausprobieren möchte, findet hier ein Bestellformular (PDF) und hier Martins Webseite postpost.ch.

Etwas Zeitungsgeschichte

Die erste regelmässig in Basel erscheinende Zeitung war die 1610 (bis 1611) von dem Drucker Johannes Schröter in Basel herausgegebene „Ordinari Wochenzeitung“. „Ordinari“ bedeutet regelmässiges Erscheinen, im Gegensatz zu gelegentlich gedruckten Zeitungen, „Zeitungen“ war früher gleichzusetzen mit „Neuigkeiten“. Schröter folgte damit dem Geist der Zeit. Noch war die Zahl der Lesekundigen zwar klein, aber Handel, Wissenschaft und Politik hatten bereits das Bedürfnis nach regelmäßigen Informationen geweckt.

So ähnlich könnte sie ausgesehen haben, die Baseler „Ordinari“. Hier ein Bild der Titelseite der „Avisa Relation oder Zeitung. Was sich begeben und zugetragen hat […] So alhie den 15. Januarij angelangt“, 1609, Von Julius Adolph von Söhne – Gottfried Wilhelm Leibniz Bibliothek, PD-Amtliches Werk, Quelle: Wikipedia

Oft waren es Postmeister in Orten, an denen sich die Postlinien (und damit die Neuigkeiten) kreuzten, die sich mit solchen Angeboten ein Zubrot verdienten oder Drucker, die ihre Offizinen auslasten wollten. Die erste Tageszeitung der Welt kam übrigens ganz in unserer Nähe, in Leipzig heraus. Auch hier war ein Drucker am Werk: Timotheus Ritzsch veröffentlichte im Juli 1650 erstmals die „Einkommenden Zeitungen“.

Mehr über die Zeitungsgeschichte der Schweiz erfahrt ihr hier: Historisches Lexikon der Schweiz. Zahlen zur aktuellen Situation der Zeitungen in der Schweiz (auch hier gibt es herbe Verluste an Auflage und Reichweite): Verband Schweizer Medien.

4 Antworten auf „Ein Medien-Experiment für Meinungsvielfalt im Online-Zeitalter. In Blei!“

Vielen Dank für diesen interessanten Beitrag. Ich bewundere Leute, die ihre Visionen so konsequent umsetzen wie die Macher des Wochenblatts. Respekt und weiter so!

Hallo Nadja, das kann man wohl sagen, wenn jemand 21 Jahre seinen Traum so kompromisslos lebt wie Martin Amstutz! Wobei wir auch eine Weile brauchten, um das Konzept und die Idee hinter dem Wochenblatt zu durchdringen. Ist das erst einmal gelungen, ist der Respekt umso größer.

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