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Quo vadis Schriftguß. Werden in Deutschland bald keine Lettern mehr gegossen?

In ihrer Broschüre „Ein einzelner Mann“ erzählen Bert Projahn und Karl-Burkhard Haus die Geschichte der (letzten deutschen) Schriftgießerei Rainer Gerstenberg. Wird für die Offizin kein Nachfolger gefunden, befürchten sie das baldige Ende des Schriftgießens, vielleicht sogar des Buchdrucks in Deutschland. Was ist da los?

Vor einigen Tagen kam mit der Post eine schöne Überraschung: die Broschüre „Ein einzelner Mann“ von Bert Projahn und Karl-Burkhard Haus über die Schriftgießerei Rainer Gerstenberg. Illustriert ist die Geschichte mit Fotos von Laura Braun. Ich möchte hier die Broschüre vorstellen und die Sorge der Autoren um das Schriftgießer-Handwerk in Deutschland diskutieren.

Quadratisches Format 18 x 20 cm, schönes festes Papier, minimalistische Gestaltung … schon von außen macht das Heft Freude. Seine Gestaltung signalisiert große Sorgsamkeit in der Umsetzung eines Themas, das den Autoren ganz offensichtlich sehr am Herzen liegt.

Die Texte sind sehr kurz gehalten, was ein kompaktes Design ermöglicht und eiligen Lesern den Zugang zum Thema erleichtern dürfte. Ungefähr so, wie Blinkist Romane und Fachliteratur auf wenige Seiten verdichtet, bekommt man hier einen schnellen Ein- und Überblick über das Schriftgießer-Handwerk.

#1 Der erste Teil des Heftes schlägt erzählend den Bogen von den Anfängen des Buchdrucks mit beweglichen Lettern über das Aufkommen des bleilosen Satzes bis zum Niedergang der Schriftguss-Industrie. #2 Im zweiten Teil lernen wir etwas darüber, wie die Schriften gegossen werden. #3 Der dritte Teil enthält einen Ausblick auf die weitere Entwicklung sowie einen Aufruf zum Erhalt des Schriftgießerhandwerks im Allgemeinen sowie der Schriftgießerei Gerstenberg im Besonderen.

Wer ist Rainer Gerstenberg?

Der namensgebende „einzelne Mann“ ist besagter Rainer Gerstenberg. Einst Schriftgießer bei der 1986 untergegangenen D. STEMPEL AG, betreibt er heute mit historischen Gießmaschinen und Gußformen die letzte kommerzielle deutsche Schriftgießerei (gegossen wird natürlich auch anderenorts, bspw. in einigen Mussen, jedoch nicht als Gegenstand der Geschäftsftätigkeit und nicht in so großer Vielfalt).

Der Titel „Ein einzelner Mann“ drückt das Bewusstsein für die Einzigartigkeit seiner Schriftgießerei in der Verbindung von Mensch, Wissen, Erfahrung und Maschine aus, aber auch eine große Sorge. Schließlich ist Rainer Gerstenberg bereits im Pensionsalter, eine Nachfolge gibt es nicht. Wenn alles so weiterläuft, schreiben Projahn und Haus, wird der Schriftguß in Deutschland bald enden.

Gerstenberg liefert Typen aus dem gewaltigen Fundus des Stempel-Nachlasses in alle Welt, denn Handsatz und Buchdruck gibt es ja weiterhin, aber als einziger weit und breit stellt er den Nachschub sicher. Es begann im Rhein-Main-Gebiet, wird es auch dort enden?

Bert Projahn und Karl-Burkhard Haus

Einen interessanten internationalen Vergleich liefert Bert Projahn im Gespräch über die Situation in Japan. Er besucht das Land seit vielen Jahren regelmäßig, insbesondere die dortigen Buchdrucker- und Schriftgießereien.

Das sind nach seinem Bericht teils winzige Unternehmen, die gleichwohl aufgrund des kulturellen und wirtschaftlichen Umfelds und der Wertschätzung der japanischen Gesellschaft für überlieferte Traditionen und Technologien gut von ihrem Handwerk leben können. 2015 organisierte er in Tokyo die Ausstellung „Gründlich. Schwarze Kunst aus Deutschland und Wien“.

„In Japan“, berichtet er, „kommen neue Technologien immer zu den bewährten Technologien hinzu. Die Leute werfen – im übertragenen Sinne – nichts weg. So existieren dort modernste Technologien gleichberechtigt mit Jahrtausende altem Handwerk.“

Andere Länder, andere Lettern. Setzkästen in einer japanischen Buchdruckerei | Foto: Bert Projahn

In Deutschland ist das anders, das Neue verdrängt das Alte zu leicht, weil dessen ert nicht hinterfragt wird, glaubt Bert Projahn. Die Autoren sehen zwei Wege zur Bewahrung des Schriftgusses:

Erstens müsste das Bewusstseins für alte Techniken erhalten oder geweckt werden: „Was vermeintlich veraltet ist, bedarf eines neuen Selbstverständnisses als Ökosystem aus eigener Kraft, das eine Existenz unter Marktbedingungen ermöglicht.“

Zweitens sollten „sich Institutionen bewusst entscheiden mithilfe seiner klassischen Techniken hergestellte Drucksachen in Auftrag zu geben.“ Ihre Bestandsaufnahme schließen sie mit dem Aufruf: „Unbedingt braucht es den Fortbestand der Schriftenproduktion, und das heißt in der gegebenen Situation eine Nachfolge für Rainer Gerstenberg.“

Die Bleikammer

Neben Rainer Gerstenbergs Schriftgießerei befindet sich in den Räumen des Hessischen Landesmuseums eine weitere gewichtige Zeitzeugin des Bleisatzes: die „Maternkammer“, der ein kleiner Abschnitt in „Ein einzelner Mann“ gewidmet ist. Hier werden hunderttausende Gußformen für Bleilettern aufbewahrt. Die Personaldecke könnte dünner nicht sein: Ein (!) ehrenamtlich tätiger Pensionär katalogisiert und betreut den Bestand.


Quo vadis, Schriftguss?

Wie geht es bei uns in Deutschland mit dem Schriftgießen weiter – um den Buchdruck aka Letterpress muss man sich meines Erachtens keine großen Sorgen machen? Freunde des Handsatzes mit Bleilettern wird diese Frage sicherlich mehr umtreiben als jemanden, der im Maschinensatz oder mit Klischees druckt.

Entscheidend für die Zukunft des Schriftgießens in Deutschland ist allerdings nicht, ob wir den Handsatz gut finden – Begeisterung kostet nichts, sie füllt aber auch nicht die Kasse des Schriftgießers. Beim Erhalt des Handwerks hilft nur, wer oft in Blei druckt, seine Lettern dabei zwangsläufig verbraucht und irgendwann auch mal neue Lettern gießen lässt.

Den Bezug zum Verbrauch als Synonym für eine intensive (Ab)Nutzung der Lettern stelle ich hier ganz bewußt her, denn nur Masse macht Kasse. Ein paar wenige Orders für Museen und historisierende Showrooms werden den Schriftguß nicht retten.

Womöglich ist dieses Rennen aber ohnehin schon gelaufen, denn die Zielgruppe der Bleiverbraucher scheint für die Fortführung der Schriftgießerei einfach zu klein zu sein. Zumindest berichtet die Sprecherin in einem TV-Beitrag des Hessischen Rundfunks vom Oktober 2019: „Rainer Gerstenberg wollte gerne einen Nachfolger ausbilden, aber nicht, wenn man davon nicht mehr leben kann.“ („Der Letzte seiner Art“, hr fernsehen, abgerufen am 14.1.2020).

Hoffnung macht da fast schon wieder, dass das alles nicht so ernst gemeint ist, weil Medien gerne etwas übertreiben: klotzen, nicht kleckern. Wo man schon mal dabei ist, erklärt die Redaktion Rainer Gerstenberg gleich auch noch zum „letzten Schriftgießer der Welt“ (Link).

Screenshot der Webseite www.hr-fernsehen.de

Wenn eine Industrie untergeht, hat das Ursachen. Gäbe es eine solide Nachfrage nach Schriftguß made in Germany, gäbe es vermutlich auch jemanden, der das Schriftgußgeschäft fortführt. Das altbewährte Prinzip von Angebot und Nachfrage gilt hier wie in anderen Branchen auch.

Dass bestimmte Handwerke in einer arbeitsteiligen Produktionskette irgendwann nicht mehr gebraucht werden (zumindest nicht so sehr, dass die ausführenden Handwerker auch davon leben können), ist keine neue Erscheinung. Die Schweizerische Gesellschaft für Volkskunde zum Beispiel archiviert zahlreiche Fotoreihen, die bereits in den 1940er Jahren aussterbende Berufe dokumentieren sollten (zum Beitrag).

Mein Fazit: Die Initiative ist aller Ehren wert und das Heft ist schön gemacht – aber was genau sind die Erwartungen?

Die Broschüre ist sehr schön gemacht, es macht Freude, sie anzusehen und ein Platz im Bücherregal ist ihr sicher – gleichwohl kann ich nicht erkennen, an wen und mit welcher konkreten Erwartung sich der Aufruf für den Erhalt des Schriftgusses und das Finden eines Nachfolgers für Rainer Gerstenberg richtet.

Zukunft sichern durch Wissen

Ein Teil im Puzzle für den Erhalt des Buchdruck- und Buchbinderhandwerks in einer lebendigen, nichtmusealen ud wirtschaftlich relevanten Form ist für mich, jungen Leuten in relevanten Ausbildungsberufen und Studiengängen die traditionellen Formen des Buchdrucks und Buchbindens näher zu bringen. Auf diesem Weg ist schon viel erreicht. Man muss sich nur anschauen, wie viele Berufsschulen, Universitäten usw. Kurse im traditionellen Drucken, Binden oder Typografie in eigenen Werkstätten anbieten.

Der erste Schritt zum Erhalt ist das Wissen (was es gibt, wie es funktioniert und was man davon hat – im Falle des Buchdrucks zum Beispiel ein herausragend schönes Druckbild). Ich bin zuversichtlich, dass sich auch zukünftig junge Leute nach ihrer Ausbildung daran erinnern und diese handwerklichen Fähigkeiten in ihr Leistungsportfolio aufnehmen werden. Nicht vordergründig mit dem Ziel, etwas zu bewahren, sondern weil sie es schön finden und wirtschaftlich davon profitieren. Hier im Blog hatten wir bereits einige Beispiele von Absolventen, die ein Handwerk – modernisiert und an die Bedingungen der jeweiligen Zeit und ihre Bedürfnisse angepasst – fortführen.

Für den Schriftguß freilich wird es knapp. Dafür braucht man Maschinen, die komplex und selten sind (für einen Original Heidelberger Tiegel gibt es immer jemanden, der Rat weiß, Ersatzteile hat oder sie herstellen kann, bei einer seltenen Gießmaschine hingegen …), Platz und jede Menge Strom. Einen Tiegel oder eine Abziehpresse stellt man sich – auch mal „für nebenbei“ – in die Garage. Mit einem Park von Gießmaschinen und Gußformen muss man – bei unsicherer wirtschaftlicher Perspektive – groß starten, oder gar nicht.

Fast schon nebensächlich ist vor diesem Hintergrund, dass das Heft mit dem Aufruf für den Erhalt des Schriftgusses nicht von Hand gesetzt und im Buchdruck, sondern digital gedruckt wurde. Das kann man ihm und seinen Mitstreitern schlecht zum Vorwurf machen. Im Gegenteil, ihre privat finanzierte Initiative ist im positivsten Sinne bemerkenswert. Die Herstellung im Bleisatz wäre einfach zu teuer und zu langsam gewesen, erzählt Bert Projahn.

Dennoch: Mit dem Digitaldruck (Offset wäre freilich auch nicht besser gewesen) wird eine Chance vertan, für den Schriftguß nicht nur mit Worten, sondern mit der herausragenden Schönheit des Druckbildes zu werben. Ein gutes Omen ist das nicht.

Was bei mir bleibt, ist die Freude an der Geste und dem konkreten Produkt, aber auch das leise Gefühl, in der Wahl des Druckverfahrens den weiteren Verlauf der Geschichte bereits vorweggenommen zu wissen.

Links und Kontakte
– Schriftgießerei Rainer Gerstenberg: www.rainer-gerstenberg.de
– Bert Projahn: bertprojahn.de
– Laura Braun Photography: laurabraun.net
– Darmstädter Echo – „Der letzte seines Standes“: Link
– D. Stempel AG bei Wikipedia
– Hessisches Landesmuseum Darmstadt: hlmd.de

4 Antworten auf „Quo vadis Schriftguß. Werden in Deutschland bald keine Lettern mehr gegossen?“

Ich kenne die Schriftgießerei von Herrn Gerstenberg von einem Workshop. Seine Arbeit ist wichtig, hoffentlich findet sich noch jemand,d er das Handwerk weiterführt. Woher kommen sonst in Zukunft gussfrische Bleilettern? Hoffen wir das Beste!!

Das frage ich mich auch. Wie Uwe schon schreibt: Der Schriftguss hat in Deutschland keine Zukuft. Freunde in den USA erzählen, wie vielseitig und lebendig die Letetrpress-Szene dort ist, mit vielen jungen Leuten, die auch experimentieren und verrückte Sachen machen. Bei uns heißt es ja eher, dieses oder jenes darf man nicht, macht man nicht, soll man nicht …

Machen wir uns nichts vor: solange kein Wunder geschieht, wird der gewerbliche Schriftguß in Deutschland wohl leider noch in diesem Jahrzehnt aussterben. Was fehlt ist ein ernsthaftes Interesse der politischen und kulturellen Akteure im Rhein-Main-Gebiet und darüber hinaus. Ich bin über zwei Landtagsabgeordnete an das hessische Ministerium für Wissenschaft und Kunst herangetreten. Die Antwort war ernüchternd: ja, Schriftguss ist sicherlich ein wichtiges Kululturgut aber leider hat man dafür keine Mittel!
Die Mittel über die wir hier reden sind, was einen Landeshaushalt angeht, eher lächerlich.
Schauen wir nach Frankreich, sehen wir eine andere Entwicklung: die Grande Nation leistete sich die Ausbildung einer Stempelschneiderin, läßt einen Monotype-Gießer von Herrn Gerstenberg auf eine KüCo-Maschine umschulen und ganze Bücher im Handsatz und Buchdruck fertigen.

Ob das Interesse wirklich fehlt, weiß ich nicht. Immer nur nach der Politik und dem Staat zu rufen (nichts für ungut) kann aber auch keine Lösung sein. Was würden die Leute, die mit Steuergeldern ausgebildet würden, denn danach tun? Offenbar gibt es nicht genügend Aufträge. Wie es hier im Beitrag schon heißt, ist selbst Herr Gerstenberg nicht sicher dass man zukünftig davon leben kann. Sinnvoller wäre es vielleicht sich zusammenzuschließen (gibt es einen Verband, der den Buchdruck vertritt?) und gemeinsam bei den Kunden in der Industrie oder Handel Werbung für den Buchdruck mit Blei zu machen. Davon hätten auch die Letterpresser etwas, weil mit dem Schriftguß zugleich der Bleisatz und Buchdruck beworben wird.

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