Kategorien
Offizinen

Die Lettertypen: Buchdruck ohne Grenzen

Die Lettertypen sind kein Museum, ganz im Gegenteil. Hier steht und arbeitet zwar, was in der Druckmaschinenindustrie einst Rang und Namen hatte, etwa eine 1926er Schelter & Giesecke oder ein Original Heidelberger Cylinder von 1954. Dank neuer Technologien in der Druckformherstellung ermöglichen diese Maschinen heute aber ein ganz anderes Druckbild, als zum Zeitpunkt ihrer Auslieferung. Denn mit dem „digitalisierten“ Buchdruck vom Klischee erschließen die Lettertypen einer 500 Jahre alten Technologie frische Perspektiven und gestalterische Möglichkeiten.

Die Offizin der Lettertypen in Berlin wirkt für den Besucher ein ganz klein wenig wie ein Museum. Wer hier eintritt, wähnt sich für einen Augenblick in einer anderen Zeit. Die historischen Maschinen, die Geräusche, die fast schon meditativ anmutende Druckgeschwindigkeit – so, stellt man sich gerne vor, hat man wohl „früher“ gedruckt.

Doch die Lettertypen sind kein Museum. Hier steht und arbeitet zwar, was in der Druckmaschinenindustrie einst Rang und Namen hatte, etwa eine 1926er Schelter & Giesecke oder ein Original Heidelberger Cylinder von 1954 – Dank neuer Technologien in der Druckformherstellung ermöglichen diese Maschinen heute jedoch ein ganz anderes Druckbild, als zum Zeitpunkt ihrer Herstellung. Denn mit dem „digitalisierten“ Buchdruck vom Klischee erschließen die Lettertypen einer 500 Jahre alten Technologie frische Perspektiven und gestalterische Möglichkeiten.

Chef und Gesicht der Lettertypen ist Daniel Klotz, der die Offizin 2014 mit einem Partner kaufte und damit vor der Schließung bewahrte. Lettertypen nannten sie sich sowohl wegen der Drucklettern, als auch in Anspielung darauf, dass hier druckbegeisterte „Typen“ arbeiten. Sie räumten auf, katalogisierten Schriften, reinigten und reparierten die historischen Maschinen – und Daniel Klotz lernte nebenbei das Drucken auf diesen alten Schätzchen. Als gelernter Schriftsetzer kannte er sich bestens mit Druckformen aus, an einer Buchdruckmaschine hatte er bis dahin aber noch nie gestanden.

Buchdruck, Letterpress, Daniel Klotz, Lettertypen, Johannsiberger Schnellpresse
Daniel Klotz im Kreise seiner Lieben. Hinter ihm die Johannisberger Schnellpresse von 1924 | Foto: Stephan Mallik
Die Offizin der Lettertypen in Berlin. Vorn ganz groß im Format einer Skisprung-Schanze die Johannisberger Schnellpresse (1924) mit Ungerer-Anleger von 1925, links unten eine Schelter & Giesecke (1926), rechts davon (mit Daniel Klotz) der Original Heidelberger Cylinder von 1954, hinter ihm eine Krause-Polygraph Schneidemaschine von 1950, rechts im Bild die Linotype Mod. 16 von 1972 | Foto: Aileen Kapitza

Was ihm an seinem neuen Beruf besonders gut gefällt? „Der intensive Austausch mit den Kunden, die Bodenständigkeit des Buchdrucks und dass ich hier mit den Händen arbeite. Jeder Griff, jede Drehung an einem Handrad hat an diesen Maschinen eine unmittelbare Auswirkung, manchmal über drei Ecken und Getriebe. Und es gibt keine Reset-Taste, um mal eben zu einem früheren Setup zurückzukehren!“ Was die Lettertypen von der Diskussion Buchdruck versus Letterpress halten? „Wir mögen und können beides!“

Buchdruck, fast ohne gestalterische Grenzen

Die Lettertypen verfügen zwar über ein umfangreiches Kabinett mit Schriften und Schmuckelementen in Blei, Holz und Messing sowie eine Linotype Zeilensetzmaschine, jedoch erst mit dem Klischee gelingt es, sowohl Aufträge mit großem Textumfang von Verlagen, als auch die jungen Kreativen zu gewinnen. Denn diese wollen zwar das schöne Druckbild des Buchdrucks in ihre Arbeiten einfließen lassen, zugleich aber nicht durch die Kosten und gestalterischen Grenzen des Hand- und Maschinensatzes limitiert sein.

Detail eines Original Heidelberger Cylinder, Baujahr 1954 – ein sogenannter „Knochenbrecher“, weil die Einhebelsteuerung beim Not-Aus oder bei Leerlaufen des Anlegers ohne Vorwarnung von der Stellung „Druck“ in die Stellung „Halt“ springt | Foto: Aileen Kapitza
Detail eines Original Heidelberger Cylinder, Bj. 1954 | Foto: Aileen Kapitza
Druck vom Linolschnitt | Foto: Aileen Kapitza
Handsatz mit Holzlettern | Foto: Aileen Kapitza
Handsatz mit Holzlettern | Foto: Aileen Kapitza
Schmuckelemente | Foto: Aileen Kapitza

Dafür installierten die Lettertypen einen Belichter, mit dem sie Fotopolymer-Platten als Druckform direkt aus DTP-Dateien erstellen. Den ultimativen Aufschrei „e ist alle“ oder „# ham wa nich“ beim Setzen eines Textes gibt es hier also nicht.

Die Fotopolymer-Platten haben eine Stahlplatte als Unterseite. In der Druckmaschine werden sie von Magnetfundamenten gehalten, was die Arbeit zusätzlich erleichtert. Inzwischen hat Daniel Klotz den Original Heidelberger Cylinder sowie die großformatige Johannisberger Schnellpresse mit solchen Maßanfertigungen ausgestattet. Dieses Setup von DTP, Fotopolymer und Magnetfundament hebt den Buchdruck auf ein ganz neues Niveau.

Dabei geht es nicht nur um kreative Freiheiten, sondern auch um Geschwindigkeit – und somit letztendlich auch um Kosten. Denn selbst im Buchdruck muss es heute meistens schnell gehen, wenn große Textmengen verarbeitet werden oder der Kunde kurz vor Druckbeginn noch Änderungen wünscht. Ein paar Tage oder Wochen warten, bis die Broschüre oder das Buch von Hand oder maschinell gesetzt sind (plus Korrekturfahnen und Kolumnen manuell bearbeiten), das mag dann doch kaum jemand auf sich nehmen.

Linolschnitt #alternativefacts Buchdruck Letterpress
Das Plakat „I’m a frog!“ der Lettertypen greift den Begriff „alternativefacts“ auf, der von Trumps Beraterin Kellyanne Conway stammt. In diesem Plakat sind Linolschnitt, Holzlettern, Bleilettern, ein Messing-Klischee und ein selbsgebasteltes #-Zeichen kombiniert. Der Bär wurde (ursprünglich für ein anderes Projekt) von Kristina Brasseler im Linolschnitt erstellt | Foto: Aileen Kapitza
Buchdruck, Letterpress, Original Heidelberger Cylinder, Fotopolymer, Magnetfundament
Eine Fotopolymer-Platte im Original Heidelberger Cylinder. Gehalten wird sie von einem Magnetfundament | Foto: Aileen Kapitza

Ob Handsatz, Fotopolymer oder Linolschnitt: Die Lettertypen drucken von der Visitenkarte bis zum Plattencover, Buch und Plakat nahezu alles, was man auf Papier und Karton drucken kann. Die alten Maschinen zeigen dabei eine erstaunliche Präzision und Vielseitigkeit. Das leichteste Material, das hier je verarbeitet wurde, war japanisches Washi-Papier mit lediglich 33 g/m², der Materialauswahl sind nur wenige Grenzen gesetzt.

Zu den größeren Projekten der jungen Firmengeschichte zählen der Druck der Letterpress-Edition des Suhrkamp-Verlags mit sieben Bänden sowie des Buchs „Change is good“ von Louis Rosetto, dem Mit-Gründer von Wired. Für die Empty Gallery in Hong Kong druckten und konfektionierten die Lettertypen drei Plattencover. Mit einem von ihnen, Eli Keszlers Album „Last Signs of Speed“, gewannnen sie 2017 den Paperazzo Haptik Award.

Doch die Lettertypen drucken nicht nur „en gros“. In liebevoller Kleinstarbeit entstehen hier bibliophile Meisterwerke, wie das Miniaturbuch Ein Buch ist erst ein Buch, wenn es ein Buch geworden ist mit Udo Haedicke vom Freundeskreis Miniaturbuch e.V., Schweipolt von Christian Ewalds Katzengraben-Presse oder Plakate mit Erich Ohsers Vater und Sohn-Geschichten. Auch mit neuen Materialien wird experimentiert. So gestaltete Lettertypin Jana die „Goldedition“, in der Letterpress mit Elementen aus Blattgold kombiniert wird.

In vielen Projekten besteht inzwischen auch eine enge Zusammenarbeit der Lettertypen mit der Berliner Galerie p98a des Typographen Erik Spiekermann. Er und seine Kollegen bringen sich beim Satz und Layout ein und knüpfen Kontakte zu Verlagen und Kreativen.

Buchdruck im Mini- und Riesenformat

Eine herausragende Besonderheit der Lettertypen ist die Fähigkeit, im Buchdruck in sehr großen Formaten bis >A0 zu arbeiten. Die Johannisberger Schnellpresse von 1924 druckt bis zum Format 125 x 85 cm, das größtmögliche Papierformat beträgt sogar 130 x 92 cm. Von dieser Maschine ist Daniel Klotz weltweit nur noch ein weiteres Exemplar bekannt.

Seine „Johanna“ ist mit einem Ungerer-Anleger von 1925 ausgestattet, so dass auch große Auflagen zügig gedruckt werden können – wobei „zügig“ hier freilich anders definiert wird, als im Offsetdruck. Bei ungefähr 500 Bogen pro Stunde ist das Wohlfühl-Limit für „Johanna“ erreicht. Sie könnte zwar deutlich schneller laufen, aber den Lettertypen geht es immer auch um die Balance von Produktivität und langfristigem Erhalt der Technik.

Sowohl zur Johannisberger, als auch zum Ungerer Anleger hat Daniel Klotz übrigens eine ganz besondere Beziehung. Beide Maschinen (sowie die Schelter & Giesecke von 1926) wurden von seinem Vater, der als Schlosser für Druckmaschinen in Ost-Berlin arbeitete, vor vielen Jahren restauriert, als an eine Buchdruckerkarriere seines Sohnes noch lange nicht zu denken war.

Zuletzt entstand auf der Johannisberger eine zweifarbige Riesen-Zeitung auf leichtem Zeitungsdruckpapier für das Redaktionskollektiv „Krautreporter“, das eigentlich ausschließlich digital publiziert. Irgendwann finden eben sogar die Digital Natives (zurück) zum Papier.

Probieren, Drucken, Schrauben

Solche Aufträge sind auch für die Lettertypen nicht alltäglich. Daniel Klotz erinnert sich lachend an die „sehr steile Lernkurve“, denn die Kombination von historischer Maschine, großem Format und leichtem Papier war anfangs kein Selbstläufer. So bereitete die Luft unter den Druckbogen Probleme beim Einzug. Die Lösung brachten ein paar schlichte Flachpinsel aus dem Baumarkt, die er auf dem Anleger montierte. Sie streichen die Luft heraus und Besucher haben etwas zum Staunen und Schmunzeln ob der ungewöhnlichen „Konstruktion“.

Überhaupt: Wer hier arbeiten will, der sollte nicht nur setzen und drucken, sondern auch schrauben und improvisieren können. Für eine Druckmaschine aus den 1930er Jahren gibt es keine Online-Fernwartung und Serviceverträge. Mit Glück besitzt man Handbücher und Teilelisten, mit etwas Pech muss man selbst herausfinden, wie etwas funktioniert. Da hilft es, dass die Lettertypen inzwischen eine große Fangemeinde im Internet haben, die bei Problemen mit Rat und Zuspruch zur Seite steht.

Hat der Buchdruck eine Zukunft?

Hat der Buchdruck mit diesen alten Maschinen heute Existenzberechtigung und Zukunft? Daniel Klotz ist überzeugt: Ja! Aber nicht so sehr wegen der Nostalgie oder der Entschleunigung der Prozesse, wobei manche Kunden gerade das zu schätzen wissen, sondern wegen des unnachahmlichen Druckbildes und seiner Haptik, die zum Anfassen und Verweilen verführt.

Diese Begeisterung teilt er mit seinen Kunden. So reisten Manager eines Plattenverlags eigens von Hong Kong nach Berlin, um die finale Abstimmung und den Andruck zu begleiten.

Drucken und bewahren

Die Lettertypen sind in erster Linie Unternehmer. Sie fühlen sich aber auch der Druckkunst verpflichtet, die Maschinen, Schriften sowie dieses besondere Wissen um ihre Anwendung zu bewahren und weiterzugeben. Nur, wenn Maschinen im produktiven Einsatz sind, bleiben sie „lebendig“.

Daniel Klotz und Erik Spiekermann nennen das „Erhalt durch Produktion“ und so trifft man Daniel regelmäßig auf einschlägigen Konferenzen, um für den Buchdruck zu werben. Das nächste Mal spricht er bei den Leipziger Typotagen 2019 im Mai 2019. Sein Thema auch dort: „Erhalt des Buchdruckes durch Produktion“.

Wird man mit dem Buchdruck reich? „Wohl eher nicht“, ist seine Antwort. „Aber dafür gehe ich jeden Morgen voller Freude zur Arbeit“. Und das kann bestimmt nicht jeder von sich behaupten!

Steckbrief „Die Lettertypen“

  • gegründet: 2014 (durch Übernahme)
  • Inhaber/Chef: Daniel Klotz
  • Druckverfahren: Buch(hoch)druck, Letterpress, bei Bedarf in Kombination mit Digitaldruck
  • Satz: Handsatz in Blei, Holz und Messing; Maschinensatz mit Linotype Zeilensetzmaschine, DTP zu Fotopolymerplatte mit Belichter vor Ort
  • Formate: Druckformat bis 125 x 85 cm, Papierformat bis 130 x 92 cm
  • Druckerzeugnisse: Geschäftsausstattungen, Grußkarten, Plakate bis Format >A0, Broschüren, Bücher, Plattencover
  • Dienstleistungen: DTP, buchbinderische Weiterverarbeitung (mit Partnerunternehmen), Beratung und Konzeption zu Material, Satz und Weiterverarbeitung
  • Zertifizierungen: keine Angaben
  • Kontakt: www.lettertypen.de | info@lettertypen.de | www.facebook.com/DanielKlotz.Letterpress

Die Maschinen der Lettertypen

Die Maschinen in der Offizin der Lettertypen (aktiver Bestand am Standort Berlin Adlershof; weitere Maschinen im Außenlager)

  • Original Heidelberger Cylinder der S-Serie 54 x 72 cm, Baujahr 1954
  • Schelter & Giesecke HA2 von 1926, für die sogar noch der originale Kaufvertrag existiert
  • Johannisberger Schnellpresse von 1924 mit Ungerer-Anleger Universal von 1925
  • eine urige Krause Kniehebelpresse von ca. 1875, auf der wohl früher die SPD-Zeitschrift „Vorwärts“ gedruckt wurde. Heute ist sie, wenngleich tonnenschwer, als „mobiler“ Drucker auf Messen und Straßenfesten unterwegs.
  • zwei Adast Grafopress 10 x 15 GPE von 1986, eine Ostblock-Kopie des Original Heidelberger Tiegels
  • zwei FAG Andruckpressen
  • Hogenforst Rapid Trettiegel
  • Hogenforst Stabil Boston-Tiegel von ca. 1910
  • Linotype Modell 16 Setzmaschine von 1972

Bis auf den Hogenforst Rapid sind alle Maschinen betriebsbereit und im produktiven Einsatz.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.