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(Mit) Lettern drucken

Im Gespräch mit Erik Seitz über Typographie, den Buchdruck sowie den Handsatz mit großformatigen Lettern sollte man auf die Präpositionen achten. Denn der angehende Typograph kennt sich sowohl im Drucken mit, als auch im Drucken von Lettern aus.

Erik Seitz studiert Kommunikationsdesign an der Hochschule Trier. Für seine Bachelorarbeit überlegte er, wie Lettern für den Buchdruck im 3D-Druck per FDM (Fused Deposition Modeling bzw. Schmelzschichtungsverfahren) hergestellt werden können.

Die Idee ist an sich nicht neu, in Foren findet man einige Berichte, Fragen und Hinweise dazu. Das Besondere an Eriks Arbeit ist für mich, dass er nicht nur seine Ergebnisse, sondern auch die einzelnen Schritte ausführlich dokumentiert hat.

In seinem Buch „Buchdruck im FDM-Verfahren“ beschreibt er den Prozess von der Idee über die ersten Prototypen bis zur finalen Version seiner aus Kunststoff gedruckten Lettern. Er überführt das Thema somit aus dem Ungefähren in einen konkreten Leitfaden – und obendrein sieht das Buch auch noch gut aus!

Buchdruck im FDM-Verfahren, Dokumentation des Bachelorprojekts von Erik Seitz an der Hochschule Trier

Zum besonderen Look trägt bei, dass das Buch in Teilen mit Eriks selbst gedruckten Lettern gedruckt wurde. Der Leser erhält damit live eine erste Rückmeldung über die potentiell erreichbare Druckqualität.

Ebenfalls im Rahmen des Projekts entwickelte Erik mit „Honeypot Variable“ einen Font – zumindest die zum Bilden des Namens Honeypot erforderlichen Lettern. Dafür orientierte er sich an einer (leider namenlosen) historischen Bleischrift im Schriftmusterbuch „Specimens of Printing Types“ der Schriftgießerei George Bruce & Co. von 1848.

Von der Datei zur Letter

Angefangen hatte das Projekt damit, dass Erik eine sinnvolle Aufgabe für seinen 3D-Drucker suchte, einem Creality CR 10S. Als er etwas später ein Thema für sein Bachelorprojekt formulierte, kam eins zum anderen.

In meinem Bachelorsemester wollte ich die Themen 3D-Druck und Schriftgestaltung verbinden und prüfen, ob die Herstellung von Lettern aus Blei, Messing oder Holz für den Buchdruck durch das FDM-Verfahren ergänzt oder sogar ersetzt werden könnte.

Erik Seitz

Im Studium hatte er bereits in der Buchdruckwerkstatt der Hochschule den Handsatz sowie das Drucken im Buchhochdruck kennengelernt – inklusive der Tatsache, dass die typographischen Möglichkeiten im Buchdruck durch die Verfügbarkeit relativ weniger Schriften, Schriftschnitte und -größen limitiert ist. Da lag es nahe, Tradition und Moderne zusammenzuführen und die Herstellung von Buchdrucklettern im 3D-Druck zu testen.

Zunächst galt es herauszufinden, wie die Druckdatei aufbereitet werden muss und wie die Druckergebnisse bei verschiedenen Schriftgrößen und technischen Einstellungen am Drucker aussehen.

Achtung, Spoiler 🙂 – Die besten Ergebnisse erzielte Erik mit großen Buchstaben bei kleinem Durchmesser der Drucker-Düsen (Nozzle), wobei der Druck einer einzelnen Letter in dieser Konstellation auch schon mal bis zu 9 Stunden dauerte. Bei großen Düsen und gitterförmigen Innenstrukturen ging es zwar erheblich schneller, dafür waren die fertigen Lettern nicht sehr stabil. Unter dem Anpressdruck einer Druckwalze brachen sie recht schnell, zumal, wenn mit einem etwas stärkeren Aufzug gearbeitet wurde.

Bei seinen Versuchen sah Erik auch bald, dass (s)ein einfacher 3D-Drucker mitunter nicht Lösung, sondern Teil des Problems war: „Der Drucker verlor bei Richtungswechseln zu viel Geschwindigkeit, so dass sich die Ecken der Buchstaben durch den höheren Materialauftrag zu hoch aufbauten. Das führte zu einem ungenauen Schriftbild und unerwünschten Lücken zwischen den Buchstaben“, fasst er seine Beobachtungen zusammen.

Wer noch keinen 3D-Drucker in Aktion erlebt hat: Die Düse gibt mit (relativ) konstantem Durchfluss eine definierte Menge geschmolzenen Kunststoffs aus. Die dabei entstehende Schichtdicke wird durch die Geschwindigkeit des Druckkopfes bestimmt. Langsamer Druckkopf -> mehr Material pro Flächeneinheit, flinker Druckkopf -> weniger Material. Zumindest ist das bei einfachen Geräten so schlicht geregelt, Profi-Maschinen können das vermutlich etwas genauer steuern.

Die ersten Probedrucke auf einem Boston-Tiegel zeigten denn auch erkennbar störende Unebenheiten sowie die gitterförmige Innenstruktur der Lettern, die man auf den Bildern vom 3D-Druck gut erkennen kann. Das machte eine manuelle Nachbearbeitung erforderlich, indem Erik die Oberflächen mit Schleifpapier von grob zu fein beschliff.

Mit der Lösung eines Problems entstand allerdings gleich ein neues, denn beim Schleifen der Lettern kann sich die Schrifthöhe verändern. Außerdem gelingt der Schliff im Zweifel nicht vollständig planeben, wenn die Letter beim Schleifen leicht verkantet wird. Eine Folge davon wäre bspw., dass die Ober- und Unterlängen nicht exakt dieselbe Höhe besitzen und beim Drucken unterschiedlich kräftig oder auch gar nicht abgebildet werden.

Zu allem Überfluss traten auch noch immer wieder Risse in der Oberfläche der Lettern auf, die Erik mit Spachtelmasse verschloss, mit Spritzspachtel überzog und nochmals mit Sandpapier beschliff.

Bei der Verwendung feiner Spritzdüsen betrug die Herstellungszeit im Schmelzschichtungsverfahren auf Eriks kleinem Drucker bis zu 9 Stunden pro Letter.
Im 3D-Druck werden Körper unter der Deckfläche oft nicht massiv, sondern durch Gitterstrukturen aufgefüllt. Das spart Material und Zeit, geht aber zu Lasten der Stabilität.
Eine Letter aus dem Drucker, hier noch ohne finishing der Oberfläche.
Im fertigen Druck erkennt man leichte Unebenheiten der Lettern sofort. Für künstlerische Projekte, in denen es auf Individualität ankommt, mag das eine schöne Lösung sein. Für den professionellen Buchdruck müsste die Oberfläche weiter bearbeitet werden.
Ein Testdruck mit Eriks Font „Honeypot Variable“ in der final erreichten Qualität der Lettern.

Ein erstes Fazit: Es geht, ist aber noch nicht perfekt

Eine erste Lehre aus den Versuchen lautete: Ein schnelles und kostengünstiges Produktionsverfahren sieht anders aus! Durch zahlreiche Versuche tastete Erik sich schließlich an ein brauchbares Druckergebnis mit einer druckfähigen Oberfläche und Kantenschärfe der Lettern heran.

In diesem Stadium hatte er eine Reihe von Erkenntnissen gesammelt.

  1. grundsätzlich kann man Lettern in 3D-Druck aus Kunststoff herstellen,
  2. das Ergebnis hängt vom Schriftschnitt und der Schriftgröße sowie maßgeblich von der Qualität und Leistungsfähigkeit des Druckers ab,
  3. abhängig davon wird vermutlich immer ein bestimmter Aufwand für die manuelle Nacharbeit erforderlich sein, was wiederum die reproduzierbare Herstellung vollständig standardisierter Lettern zumindest erschwert,
  4. insgesamt müsste man mit besseren Geräten und weiteren Materialien einen gesamtheitlichen Entwurfs- und Herstellungsprozess definieren, was jedoch nicht zu Eriks Aufgabenstellung gehörte.

Sein Fazit: „Für den Einsatz in Brotschriften ist das FDM-Verfahren keine Alternative zur Herstellung von Buchdrucklettern, da die Qualität der Drucke in kleinen Schriftgrößen erheblich nachlässt. Durch den starken Anstieg der Druckzeiten ist die Effizienz dieses Verfahrens auch bei der Produktion von Schriftgraden über 300 pt fragwürdig. Da das FDM-Verfahren noch immer eine recht neue Entwicklung darstellt und in den kommenden Jahren mit weiteren Verbesserungen der 3D-Drucker zu rechnen ist, sollte dieses Verfahren als Alternative für die herkömmliche Herstellung von Blei- oder Holzlettern jedoch nicht vernachlässigt werden.“

Für eine schnelle und kostengünstige Fertigung ist das Verfahren (zumindest mit den Erik zur Verfügung stehenden Maschinen und Materialien) derzeit nicht machbar. Für ein bisschen Bastelei, einen ersten Eindruck von einer neuen Schrift auf dem Papier oder auch für die Ergänzung fehlender Lettern in einem Setzkasten (bei großen Schriftgrößen) sind die Chancen im 3D-Druck jedoch nicht von der Hand zu weisen.

Geht das noch besser? Zu Besuch bei Erik Spiekermann

Wer in einem Projekt mit viel Aufwand einen bestimmten Erkenntnisstand erreicht hat, will natürlich auch wissen, wie weit andere dabei gekommen sind – und ob es vielleicht Ideen gibt, mit denen sich die eigene Arbeit noch weiter verbessern lässt.

Zu Besuch bei Erik Spiekermann in der Galerie p98a.

Erik wusste von den Experimenten des Typographen Erik Spiekermann auf der Suche nach Alternativen zu Blei und Holz im Buchdruck und schrieb ihm eine Mail – mit verhaltenen Erwartungen, wie er sich lachend erinnert. Nach einiger Zeit bekam er jedoch nicht nur eine Antwort, sondern eine Einladung in Spiekermanns Offizin und Testwerkstatt, die Galerie p98a in Berlin.

Gemeinsam mit Daniel Klotz von den Lettertypen bewerteten sie Eriks Ergebnisse und führten Testdrucke auf einer Korrex Abziehpresse durch.

Dabei bestätigten sich zunächst die bereits bekannten Probleme mit den Oberflächen sowie der ungenügenden Stabilität der Lettern, die unter dem Druck der Walzen relativ schnell brachen. Der 3D-Druck mit kleinstmöglichen Düsen für eine möglichst vollständig aufgefüllte (und somit belastbarere) Struktur und eine glattere Oberfläche sind also unerlässlich.

Als einen Tipp zur Finalisierung der Kunststoffoberfläche seiner 3D-Lettern nahm er die Behandlung mit Zapon Lack mit, der kleine Unebenheiten auffüllt.

Ihr erreicht Erik per Mail (seitz.erik@gmail.com) oder über instagram. Hier findet ihr sein Buch zum Projekt auf designmadeingermany.de. Seinen ersten Font Altum Sans in den Schriftschnitten thin bis extrabold könnt ihr bei Myfonts kaufen.

Aus den Erfahrungen wird ein Buch.

Im Anschluss machte sich Erik daran, seine Ergebnisse in einem Buch zusammenzufassen. Gedruckt wurde es in Teilen mit seinen Kunststofflettern auf einer kleinen manuellen A3-Abziehpresse, dem Kellerfund einer Freundin (im Video seht ihr den spektakulären Umzug der Presse – per Longboard). Die Bilder und Texte im Buch wurden im Digitaldruck ergänzt. Das Buch gibt es leider nur in sehr wenigen Exemplaren, ist also nicht im Handel erhältlich.

Eine Mini-Offizin zieht um. Auch kleine Pressen haben ihr Gewicht, Erik transportierte seine auf einem Longboard.

Copyright-Hinweis: Die Bilder und Videos in diesem Beitrag wurden von Erik bereitgestellt.

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2 Antworten auf „(Mit) Lettern drucken“

Schöne Idee. Nicht neu, aber trotzdem gut, dass jemand das so ausführlich beschreibt. Sehr cool auch das Video vom Umzug mit dem Longboard 🙂

Hallo Ralf, wir arbeiten gerade an einer Übersicht über Möglichkeiten, Lettern in modernen Vefahren herzustellen – vom 3D-Druck bis zur CNC-Fräse. Viele Grüße, Stephan

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