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Hetzt mich nicht!

Drucken ist weit mehr, als Bilder und Texte auf Papier zu bringen. Es zwingt uns, eine Wahl zu treffen und uns zu bekennen – denn was wir aus eigenem Antrieb drucken, haben wir gemeinhin für gut befunden. Für die Fotografin Joy Dana ist dieser Prozess Teil der kreativen Arbeit. Zum Glück, denn so entsteht regelmäßig ein schön gemachtes Portrait-Magazin.

Digitales ist schnell, aber auch schnell wieder vergessen. Ein Klick, ein Wisch, der Nächste bitte. Dieses Prinzip treibt auch Kreative gelegentlich zu gefährlicher Eile. Für die UX-Designerin und Fotografin Joy Dana stand eines Tages fest: Ich will das nicht (mehr). Im hibbeligen Takt der sozialen Medien zu fotografieren und zu posten, empfand sie als Selbstbeschneidung ihrer kreativen Freiheit.

Schließlich, sagt sie, möchte ich für mich fotografieren, nicht für Facebook & Co.; ich möchte dabei die Menschen kennenlernen, die ich fotografiere; ich möchte Geschichten erzählen; den Betrachter neugierig machen und ihn einladen, sich näher mit einem Thema oder einer Person zu beschäftigen. Ich möchte Spaß haben, mich am Moment und am Ergebnis freuen und stolz auf meine Arbeit sein. Also: Hetzt mich nicht!

Heute blendet Joy hashtag-mainstreams konsequent aus und fotografiert, wen oder was sie für fotografierenswert hält. Dabei hilft sicherlich, dass die Fotografie nicht ihren Lebensunterhalt sichern muss. Ihrer künstlerischen Ernsthaftigkeit und Begeisterung tut das keinen Abbruch.

Im Gegenteil: Genau das ermöglicht ihr die größte Freiheit in ihrer kreativen Arbeit. Mühelos vermittelt sie im Gespräch ihre Freude am Fotografieren; die Fähigkeit, auf Menschen zugehen zu können; aber eben auch den Willen, sich ihren Themen mit großem Ernst und Respekt zu nähern.

Das Non-Profit-FineArt Magazin Portrait Diaries | Foto: Joy Dana

Nach einigen Experimenten fand Joy schließlich den perfekten Rahmen für ihre Bilder. Nicht etwa digital, sondern ganz klassisch analog, gedruckt und gebunden. In ihrem liebevoll gestalteten Non-Profit-FineArt-Magazin Portrait Diaries im Format A5 verbindet sie heute ihre Portraitfotos mit Texten der Amerikanerin Evee Douglas. Das können Gedanken zu den Bildern, aber auch, völlig losgelöst davon, lyrische Texte, Gedichte und Short Stories sein.

Die ersten Ausgaben der Portrait Diaries produzierte Joy vollständig selbst, weil sie die Kontolle über den gesamten Prozess behalten wollte und noch nicht abschätzen konnte, wie viele Hefte sie verkaufen würde. Also druckte sie zu Hause (den Umschlag gar in FineArt-Qualität) und vernähte die Seiten von Hand – sehr schön!

Da zeigt sich, dass es immer gut und sinnvoll ist, jungen Leuten in ihrer Berufsausbildung (Joy hat in Karlsruhe eine Ausbildung zum Grafikdesign absolviert) auch traditionelle Handwerkskunst zu vermitteln.

Inzwischen sind zwei Ausgaben der Portrait Diaries erschienen, im März folgt bereits Nummer drei. Joy entwickelt das Konzept ständig weiter. Nachdem die erste Ausgabe im FineArt-Print schnell ausverkauft war, entwickelte sie eine weitere Version („Premium“), die sie von einer Druckerei herstellen lässt. Der Aufwand, die Hefte in Handarbeit herzustellen, war bei größeren Auflagen dann doch zu groß. Ausgewählte FineArt-Ausgaben möchte sie aber weiterhin komplett selbst produzieren – weil es Spaß macht und weil sie dabei auch gleich noch weiter experimentieren kann.

Der Unterschied der einzelnen Magazin-Versionen liegt übrigens in der Druckqualität der Bilder. Als FineArt-Print bezeichnet man wahlweise das Belichten von Fotos auf Fotopapier mit chemischem Entwicklungsprozess oder – so arbeitet Joy – den hochauflösenden Ausdruck mit speziellen Pigmenttinten auf beschichteten Naturpapieren. Mit dieser Technik sind besonders feine Nuancen in der Farbwiedergabe möglich.

Wem das alles zu oldstyle ist, kann Joys Magazine auch als eBooks bekommen.

Das Drucken erfordert zunächst das Auswählen der besten Bilder. Dieser Prozess ist oft hart, aber man wächst daran!

Joy Dana

Die Bilder zu drucken ist für Joy viel mehr, als sie mittels Farbe auf Papier zu bringen. Die eigentliche Herausforderung, berichtet sie, ist der Auswahlprozess. Welches Bild ist in meinen Augen gut? Drückt es aus, was ich in der portraitierten Person gesehen und im Gespräch mit ihr empfunden habe? Wird das Bild den Betrachter ansprechen und wird es mir selbst in drei Tagen oder einem Jahr noch gefallen?

– Bei zehn Bildern einer Instagram-Strecke kann ich als Fotografin hoffen, dass den Leuten zumindest eines davon gefällt. Wenn ich nur ein einziges Bild zeige, lege ich mich auf eine bestimmte Arbeit und Bildsprache fest. Der Betrachter wird an diesem einen Bild festmachen, ob er meine Arbeit mag – oder nicht.

Das erzeugt natürlich großen Druck bei der Bildauswahl. Das ist oft schwer und manchmal schmerzhaft, aber diesen Prozess kennen wahrscheinlich alle Kreativen. Ausserdem muss ich dabei meine Arbeit ständig hinterfragen, was mir hilft, mich weiterzuentwickeln.

Ist das – in meinen Augen – beste Bild gefunden, gedruckt und das Projekt damit abgeschlossen, empfinde ich dafür um so größere Freude, Befriedigung und Stolz.

Joy
Die Portrait Diaries werden von Hand gebunden. Das erforderliche Handwerk lernte Joy in ihrer Ausbildung zur Grafikdesignerin | Foto: Joy Dana

Lohnt sich das auch wirtschaftlich? In einem Gastbeitrag im Fotografie-Portal kwerfeldein berichtet Joy, die Gewinne aus den Magazinen in soziale Projekte zu investieren, die das jeweilige Model selbst bestimmen darf.

Die größte bisher erreichte verkaufte Auflage lag bei respektablen 100 Exemplaren. Bei mehreren Stunden Handarbeit pro Heft zuzüglich des Aufwands für das Fotografieren, die Texterstellung und das Layout dürfte dieser Aussage eine sehr optimistische Interpretation des betriebswirtschaftlich determinierten Begriffs „Gewinn“ zugrunde liegen, aber eine ehrenwerte schöne Idee ist es allemal.

Zm Gespräch mit einer Fotografin gehört für mich auch ein Blick in ihre Fototasche. Joy arbeitet hauptsächlich digital, aber auch im analogen Mittelformat – mit einer Asahi Pentax 6 x 7, einer der schönsten analogen Mittelformatkameras ever. Die Angabe im Kameranamen bezieht sich übrigens auf die Größe der Filmnegative in cm.

„Früher“ fotografierte sie zur Finanzierung ihres Studiums Konzerte und Hochzeiten, heute ist sie hauptsächlich in der Portraitfotografie, mit dem Fokus auf schwarz-weiß, unterwegs.

Spannend ist auch, wie Joy anfangs ihre Modelle fand. Sie schaute ganz einfach in den sozialen Medien nach Gesichtern in ihrer Region, die sie interessierten. Wurde sie fündig, schrieb sie eine Mail und bot ein kostenfreies Shooting an (wer jetzt spontan zum Telefon greift um Joy anzurufen: Macht das unbedingt, aber die kostenlosen Zeiten sind vorbei). Zum Fotografieren verabredet sie sich bevorzugt im Freien, weil sie das natürliche Tageslicht sehr mag.

Joys neues Pocketzine im Hosen- und Handtaschenformat. Hier sollen zu den Portraits auch die Geschichten ihrer Entstehung erzählt werden. Gebunden werden sie wieder von Hand. Joy experimentiert gerade mit einer sehr schönen klassischen Fadenknotenheftung | Foto: Joy Dana

Gerade arbeitet Joy an einem weiteren Magazin: Dem Pocketzine im Hosen- bzw. Handtaschenformat. Darin möchte sie ausgewählte Portraits in komprimierter Form vorstellen und die Geschichte ihrer Entstehung erzählen – während die größeren Portrait Diaries einen eher lyrischen Ansatz verfolgen. Das Pocketzine ist zugleich als erweiterte Visitenkarte konzipiert.

Joys Portfolio: www.joydana.com
Portrait Diaries im Web mit Webshop: www.portraitdiaries.com
Joys Gastbeitrag auf kwerfeldein, „Wie aus dem Wunsch auf Print ein Zine wurde“


3 Antworten auf „Hetzt mich nicht!“

Hallo Sofie, das freut uns. Die Fotografie begeistert uns einfach auch, zumal wir an einigen Buchprojekten arbeiten, in denen es um Fotografie geht. Im Falle von Joy hatte uns aber ganz besonders die Grundidee des Druckens interessiert, denn in der Fotografie wie im Buchdruck wird ja nicht um des Druckens willen gedruckt, sondern, um ein Bild oder einen Text zu konservieren und zu verfielfältigen – Was beides für uns eng miteinander zu tun hat, denn je mehr Exemplare von einem Druck ich herstelle und auf der Welt verteile, desto größer ist nicht nur die Chance, dass er beachtet/gelesen/angeschaut wird, sondern auch, dass er über die Zeit irgendwo erhalten bleibt.

Hallo Sofie, das freut uns. Die Fotografie begeistert uns einfach auch, zumal wir an einigen Buchprojekten arbeiten, in denen es um Fotografie geht. Im Falle von Joy hatte uns aber ganz besonders die Grundidee des Druckens interessiert, denn in der Fotografie wie im Buchdruck wird ja nicht um des Druckens willen gedruckt, sondern, um ein Bild oder einen Text zu konservieren und zu verfielfältigen – Was beides für uns eng miteinander zu tun hat, denn je mehr Exemplare von einem Druck ich herstelle und auf der Welt verteile, desto größer ist nicht nur die Chance, dass er beachtet/gelesen/angeschaut wird, sondern auch, dass er über die Zeit irgendwo erhalten bleibt.

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