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Mit 93 Jahren voller Tatendurst: Die Buchdruck-Werkstatt Christoph Dürr in München

Der Buchdruck-Werkstatt München nähert man sich im Netz auf Umwegen. Sie ist eigentlich die Druckerei Christoph Dürr, online wird sie im Augenblick jedoch von den Freunden der Buchdruck-Werkstatt e.V. präsentiert. 1926 gegründet, hat die Offizin im Münchner Stadtteil Neuhausen in 93 Jahren immer gearbeitet, wenngleich zuletzt nicht mit voller Kraft. Jetzt soll sie noch einmal durchstarten.

Christoph Dürr ist Drucker, Verleger und Galerist. 1960 gründete er eine Druckerei, 1963 folgte die Galerie Christoph Dürr, 1978 übernahm er die Druckerei in der Münchner Hübnerstraße 5, für die ein Nachfolger gesucht wurde. Über 20 Jahre wurden hier neben Unterlagen für Behörden aufwändige Kataloge für Kunstmuseen, Kunstvereine und Galerien gedruckt.

Zusätzlich vermittelt Christoph Dürr jungen Leuten die Kunst des Setzens und Druckens. Studenten der Hochschule für angewandte Wissenschaften München sind in der Offizin oft zu Gast. Staunend-lächelnde Gesichter zeugen von der Begeisterung der Digital Natives, wenn sie zum ersten Mal die großen Kulturtechniken Bleisatz und Buchdruck mit eigenen Händen erfahren.

Regelmäßig gibt es auch Lesungen, Tage der Offenen Werkstatt zum Schauen und Mitmachen sowie – jeweils am 17. eines Monats – einen Stammtisch, dessen Zielgruppe laut Einladung Prinzipale, Jungfrauen, Schusterjungen, Metteure, Kornuten, Gautschmeister, Schwammhalter, Hurenkinder und Typen jeder Art: normale, halbfette, fette, schmale, schräge und gebrochene Typen* umfasst.

Buchdruck, Letterpress, Handsatz, Maschinensatz, Linotype
Druckerei Christoph Dürr, rechts im Bild die Original Heidelberger Tiegel | © Robert Sakowski
Ein Bild vollkommener Konzentration auf das Werk: Christoph Dürr am Original Heidelberger Tiegel | © Robert Sakowski
Buchdruck, Letterpress, Handsatz, Maschinensatz, Linotype
Christoph Dürr am Tiegel | Foto: Robert Sakowski
Foto: Robert Sakowski

Licht an und loslegen: Die Druckerei ist voll ausgestattet und einsatzbereit

Die Offizin ist vollständig ausgestattet, alle Maschinen sind sofort einsatzbereit. Dazu zählen

  • zwei Original Heidelberger Tiegel 26 x 38 cm aus den 1960er Jahren
  • zwei Original Heidelberger Zylinder (40 × 57 cm, Baujahr 1966; 54 × 72 cm, Baujahr 1968)
  • eine Abziehpresse „Grafik“
  • mehrere Handtiegel
  • Maschinen für die buchbinderische Weiterverarbeitung.

Auch im Satz bestehen beste Voraussetzungen. Angeboten werden der traditionelle Handsatz sowie Maschinensatz für Texte jeden Umfangs (lest dazu auch unseren Beitrag über die Rettung des Bleisatzes mit Hilfe von Setzmaschinen). Ergänzend können Nyloprint-Klischees hergestellt werden.

Die Setzerei bietet:

  • 14 Satzregale mit Schriften von 6 bis 48 Punkt
  • Maschinensatz auf einer Linotype L22 S (Maschinen-Nr. 17163) sowie einer Linotype 54 (18307) mit mind. 40 verschiedenen Matrizen-Magazinen. Beide Maschinen werden auf der Webseite des Vereins sehr schön präsentiert!
  • Ludlow Setzmaschine bis 48 Punkt Schriftgröße mit 20 verschiedenen Schrift-Matrizen
  • BASF Nyloprint-Maschine.

Sowohl für den Hand-, als auch für den Maschinensatz stehen Experten mit jahrzehntelanger Berufserfahrung zur Verfügung.

Buchdruck, Letterpress, Handsatz, Maschinensatz, Linotype
Die Druckerei realisiert Hand- und Maschinensatz (Linotype und Ludlow) | © Robert Sakowski
Linotype Setzmaschine in der Druckerei Christoph Dürr | © Robert Sakowski

Das Ziel: Wissensvermittlung und Erhalt durch Produktion

Was macht man heute mit einer Buchdruckerei? Braucht das noch jemand? Die Maschinen sind vorbildlich in Schuß, Profis für das Setzen und Drucken sind auch vorhanden. Im Grunde könnte man das Licht anschalten und loslegen. Was fehlt, sind die proaktive Nutzung dieser großartigen Ressourcen sowie neue Wege in der Öffentlichkeitsarbeit und im Vertrieb (mehr zum erfolgreichen Vertrieb im Buchdruck).

Diesen Schritt zu gehen, hat sich der Verein der Freunde der Buchdruck-Werkstatt e.V. vorgenommen. Unter der Federführung des Marketing-Experten, gelernten Druckers und Setzers Bernd Mayer werden Ideen und Konzepte für die wirtschaftliche Zukunft der Druckerei erarbeitet: Erhalt durch Produktion heißt der Grundgedanke, den wir bereits von Daniel Klotz von den Lettertypen und Erik Spiekermann von der Galerie p98a – im Grunde aber von jedem heute aktiven Buchdrucker – kennen.

Analog ist das neu Bio.

Große Erwartungen setzt Bernd Mayer in den analogen Gegentrend zur Digitalisierung unseres Alltags: „Viele Menschen wünschen sich heute wieder mehr Authentizität und lebendige Produkte, die nicht nur für den Augenblick gemacht sind, die eine Geschichte erzählen und möglichst sogar aus der Region kommen. Analog wird ja nicht ohne Grund auch das neue Bio genannt“.

Bleilettern im Setzkasten | © Robert Sakowski
Buchdruck, Letterpress
© Robert Sakowski

Die Voraussetzungen für die Revitalisierung sind gut, glaubt Bernd Mayer. Die technischen und personellen Grundlagen sind da und in München ist nach seiner Einschätzung noch viel Luft für hochwertigen Buchdruck bzw. Letterpress. Denn nach seiner Beobachtung gibt es in der Stadt zwar zahlreiche traditionelle Buchbinder, aber nur noch wenige produzierende Bruchdruckereien.

Als Zielgruppe sieht er – neben Künstlern, Galerien und Verlagen – Unternehmen, die ihren hohen Anspruch an die eigenen Dienstleistungen und Produkte auch mit exklusiven Geschäftsausstattungen, Plakaten, Broschüren oder Büchern zum Ausdruck bringen wollen.

So sind denn auch Design, handwerkliche Qualität und Nachhaltigkeit starke Argumente, mit denen der Verein für den Buchdruck werben möchte. Noch ist es zu früh, konkrete Angebote zu formulieren, aber die Konzepte sollen zügig konkretisiert werden.

Wer den Verein bei seiner Arbeit unterstützen möchte: Es werden noch Mitglieder aufgenommen! Erfahrung im Buchdruck oder München als Wohnort sind dafür nicht unbedingt erforderlich. Was zählt, sind Begeisterung und der Wille, die Buchdruckkunst lebendig zu halten.

Kontakt
Freunde der Buchdruck-Werkstatt e.V.
Bernd Mayer
Hübnerstraße 5, 80637 München
T +49 89 1293992
www.buchdruck-werkstatt.de
kontakt@buchdruck-werkstatt.de

*

Die Bedeutung der verwendeten Fachbegriffe liefert die Einladung gleich mit: Prinzipal — Druckereibesitzer Jungfrau — fehlerfrei gesetzte Seite Schusterjunge — 1. Zeile eines Absatzes am Ende einer Spalte Metteur — in der Setzerei mit dem Zusammenbau von Zeitungsseiten — der Mettage — beschäftigter Mitarbeiter Hurenkind — Ausgangszeile eines Absatzes am Anfang einer neuen Spalte Kornute — ausgelernter Setzer/Drucker Gautschmeister/Schwammhalter — Personen, die den Kornuten gautschen (traditioneller Brauch) Typen — Schriften normal, halbfett, fett, schmal, schräg, gebrochen — verschiedene Bezeichnungen für das Schriftbild


Aus der Entfernung würden wir hier großes Potential im Druck von umfangreichen Texten im Bleisatz vermuten: Es sind Setzmaschinen und ein großfomatiger Heidelberger Zylinder vorhanden, in der Region gibt es Buchbindereien für die finale Weiterverarbeitung zur Broschüre oder zum Buch … wir sind gespannt!

2 Antworten auf „Mit 93 Jahren voller Tatendurst: Die Buchdruck-Werkstatt Christoph Dürr in München“

Hallo Herr Mayer,
vielen Dank, es war uns Ehre und Vergnügen! Die umfangreiche Ausstattung und der tadellose Zustand der Offizin sind wirklich beeindruckend! Wir halten die Daumen für die weitere Entwicklung und werden den Prozeß gerne auch weiterhin begleiten.
Gott grüß die Kunst!
Anja und Stephan

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