Die fabelhafte Welt des analogen Buchdrucks – und seiner schönen Schwester Letterpress

Buchdruck und Letterpress – Die neue Lust am Analogen

Lange galt er als verbleites Old-Business, hoffnungslos abgehängt vom bunten Offsetdruck, attraktiv nur noch für Schrottsammler. Jetzt ist der Buchdruck im neuen Gewand als Letterpress wieder angesagt: Knackig, schick, bodenständig, handwerklich, designorientiert, mit cleveren Lösungen für Satz und Druckformen, ausgeübt von handwerks- und designbegeisterten Leuten, die oft halb so alt sind, wie ihre liebevoll gehegten Maschinen.

Auf aboutletterpress geht es um Buchdruck und Letterpress, um Leute, ihre Maschinen, Offizinen, Ideen und Produkte – und um die Freude am schönsten Handwerk der Welt.

Dass „er“ wieder da ist, hat auch mit der neuen Lust der Menschen am Analogen als Gegenstück zur Hektik, Flüchtigkeit und Digitalisierung unseres Alltags zu tun.

Doch geht es um mehr, als nur um Nostalgie und Rückbesinnung auf traditionelle Werte. Letterpress-Produkte sind nicht nur einfach Drucke, die auf „alten“ Maschinen gemacht werden. Hier entstehen Ergebnisse die, „im digitalen Druck nur noch unter außerordentlichen Bedingungen zu erreichen sind“ (DIE ZEIT).

Was vor einigen Jahren als Garagen-Kunst junger Kreativer in den USA begann, hat wirtschaftliches Potential. Und nicht zuletzt sind Letterpress-Produkte nicht nur einfach schön, sondern sie transportieren auch eine starke Botschaft.

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Schmuckelemente für den Handsatz | Foto: Aileen Kapitza

Starke Botschaft, schön verpackt

Buchdruck-, ganz besonders aber Letterpress-Produkte senden starke Signale an ihren Empfänger, in denen Handwerk, Tradition, Entschleunigung, Umweltbewusstsein und Nachhaltigkeit, aber auch Leidenschaft, Sorgfalt, Wertschätzung und Großzügigkeit eine Rolle spielen: Schau her, dieses schöne Teil habe ich in einem ganz besonderen Herstellungsprozeß für dich gemacht. Weil du und mein Produkt es mir wert sind.

Mit solidem Handwerk, schönen Drucksachen und coolem Sound präsentiert sich Letterjazz von Sven Winterstein in Essen

Diese herausragende Wertschätzung ist allerdings auch nötig, denn billig sind Buchdruck und Letterpress nicht. Die letzte Chance und logische Konsequenz im Wettbewerb mit dem Offsetdruck war es, den Buchdruck in seiner Spielart Letterpress zum Kunsthandwerk zu verfeinern und schöne Dinge herzustellen, für die wir bereit sind, einen Aufpreis jenseits des reinen Nutzwerts zu zahlen.

Marketingexperten wissen: Schön gedruckt wird angeguckt, und was einen ideellen Mehrwert, ein Erlebnis, bietet, darf auch etwas mehr kosten.

Schön gedruckt wird angeguckt!

Dazu passt, dass Letterpress-Produkte oft besonders sorgfältig, liebevoll und mit künstlerischem Anspruch gestaltet sind. Die technischen und gestalterischen Limitierungen (keine Raster, keine Fotos, jede Farbe erfordert einen Druckdurchgang) verkehren sich vom Handicap zur Chance für Designer, ihre Kreativität und ihr Können zu beweisen.

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Letterpress-Karte mit gestanzter Außenkontur | Projekt und Foto: Letterjazz

Buchdruck, Buchhochdruck und Letterpress. Alles ein und dasselbe?

Wir haben nun schon einige leidenschaftlich geführte Diskussion darüber erlebt, was genau denn nun Buchdruck und Letterpress wäre. Im Englischen besteht dieses Streiptotential anscheinend nicht, hier heißt der Buchdruck per Wörterbuch Letterpress. Wie unterscheidet man dann eigentlich den Buchdruck mit und ohne Einschlag (impact) im Papier? Ist das der Boston-Style oder müssen nur wir Deutschen immer so genau sein?

Buchdruck, Buchhochdruck – ein 1930er Lexikon spricht auch vom Buchbinderdruck– und Letterpress werden oft synonym verwendet, wobei jüngere Leute eher vom Letterpress sprechen. Wo sind die Gemeinsamkeiten, wo die Unterschiede?

Es gibt eigentlich nur einen – dafür aber entscheidenden – Unterschied, ohne den das Revival des Buchdrucks als Letterpress wohl ausgefallen wäre. Doch schauen wir zunächst auf die Gemeinsamkeiten.

Die alltagssprachliche Verkürzung des Buchhochdrucks ist der Buchdruck. Beim Buchdruck und seiner (gemessen an der 500jährigen Geschichte des Druckverfahrens) geradezu jugendlichen Interpretation Letterpress übertragen die hochstehenden Teile einer Druckform Farbe auf das Papier.

Wie die Druckform beschaffen ist, spielt dabei zunächst keine Rolle. Das kann eine Druckform im Hand- und Maschinensatz, aus Blei-, Holz-, Kunststoff- oder Messinglettern, ein Linol- oder Holzschnitt, ein Magnesiumklischee oder eine Fotopolymerplatte sein (Beitrag). Das entscheidende Prinzip ist: Was auf der Druckform hochsteht, wird gedruckt.

Den eigentlichen Unterschied zwischen Buchdruck und Letterpress machen der Anpressdruck der Druckform in das Papier und das daraus resultierende Druckbild aus.

Beim klassischen Buchdruck soll die Druckform das Papier nur gerade so stark berühren, dass die Farbe übertragen wird. Ein altes Druckerlehrbuch beschreibt das so: „Die Farbe soll beim Drucken nicht von der Form abgequetscht, sondern nur auf den Druckträger übertragen, also gedrückt werden. Drucken bedeutet, genau betrachtet, nichts anderes, als Farbe bewegen.“ Ältere Drucker berichten, dass Lehrlinge schon mal eine Ohrfeige vom Meister kassierten, wenn es ihnen nicht gelang, ohne Prägung des Papiers zu drucken.

Drucken bedeutet, genau betrachtet, nichts anderes, als Farbe bewegen.

Beim Letterpress würde es bei diesen Berufsregeln Ohrfeigen hageln, denn hier entsteht durch den höheren Anpressdruck der Druckform gezielt ein leicht reliefartiges Druckbild im Papier, das man sehen und tastend fühlen kann. Die Oberfläche des Papiers wird an den Motivstellen leicht verdichtet, man spricht auch von Quetschfalten.

Oder, wie es Thomas Karcher von der Druckerei Butz & Bürker formuliert: „Letterpress geht nicht auf das Papier drauf, sondern in das Papier rein.“

Letterpress geht nicht auf das Papier drauf, sondern in das Papier rein.

Thomas Karcher

Damit einher gehen bestimmte technische Voraussetzungen. So wird kaum ein Buchdrucker seine Bleilettern dafür hergeben, um etwas mit richtig Bums und Struktur zu drucken. Die Lettern sind sind dafür a) zu weich, sie werden schnell rund und ergeben dann kein klar differenziertes Druckbild mehr (Beitrag) und b) zunehmend wertvoll, denn neue Schriftensätze sind teuer und rar. Wer mit deutlich sichtbarer Stuktur drucken will, wird daher zu Klischees greifen, die ohnehin mehr Möglichkeiten in der Gestaltung bieten (Beitrag).

Das Problem, wenn Buchdruck teuer, aber unsichtbar ist

Dass der klassische Buchdruck (ohne Verformung des Papiers) im Comeback dieses Handwerks kaum eine Rolle gegenüber dem Letterpress (mit Verformung/impact) spielt, hat übrigens einen – im wahrsten Sinne des Wortes offensichtlichen – Grund: Man erkennt ihn nicht. Weil er ohne den Einschlag der Lettern im Papier daherkommt, kann man ihn nur schwer bis gar nicht vom Offsetdruck unterscheiden.

Der Fotograf Stefan Groenveld hat eine ähnliche Erfahrung in der Fotografie beschrieben: „Leica Optiken haben oftmals den besten Look. Dreidimensionalität, Bokeh und Schärfe gibt es hier auf kleinstem Raum […] Das Problem beim Zeigen der Bilder im Netz: kaum jemand sieht den Unterschied“.

Für Buchdrucker ist es natürlich frustrierend und auch wirtschaftlich nicht sinnvoll, mit großem Aufwand zu etwas zu drucken, das der Beobachter im ersten Moment nicht als etwas Besonderes erkennt. Deshalb sind heute gefühlt 99% der Buchdrucksachen Letterpress-Jobs – aber 99,9% aller Jobs auf dieser Welt werden im Offset oder digital gedruckt.

Dennoch nehmen viele kleine Verlage und Druckereien erhebliche Mühen und Kosten auf sich, um Bücher im klassischen Buchdruck für bibliophile Zielgruppen herzustellen – was allerdings schon vor dem Revival des Buchdrucks als Letterpress so war.

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Massiv und „für die Ewigkeit“ zu bauen, galt einst als Tugend der Konstrukteure. Im Hintergrund eine Johannisberger Schnellpresse von 1924 mit Ungerer Anleger von 1925, links eine Linotype-Zeilensetzmaschine Mod. 16 von 1976 | Foto: Aileen Kapitza

Buchdruck oder Letterpress? Jeder soll drucken, wie er es mag!

Ja, die Diskussion um die beste Interpretation von Buchdruck und Letterpress hat einen leicht akademischen Einschlag. Eine ultimativ verbindliche Definiton kann und muss es aber nicht geben. Letztendlich muss jeder (kommerziell tätige) Buchdrucker und Letterpresser selbst einen Weg finden, seinem Kunden den wahren Wert seiner Arbeit zu vermitteln.

Unser Fazit: Drucken kommt von Drücken. Je nachdem, wie heftig man drückt, hat man Buchdruck oder Letterpress erzeugt.

Wir freuen uns, wenn ihr Lust bekommt, den Buchdruck auszuprobieren und wenn ihr wisst, was dabei gestalterisch möglich und technisch zu beachten ist.

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Handsatz mit Bleilettern, kombiniert mit Fotopolymerklischee | Foto: Aileen Kapitza

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